Der Widder und der Amethyst

Was würde der Mensch ohne den Frühling sein? Wo würde er sein, wenn die Frühlingssonne nicht die letzten Erinnerungen an den Winter mit seinen kahlen Zweigen, seinem Schnee und Eis vertreiben würde? 

Wer ist nicht überrascht über ein zartes, grünes Pflänzchen, das sich triumphierend in den ersten Sonnenstrahlen wärmt nach einem mühsamen Kampf, um die dunkle Erde und ihre Kruste zu durchbrechen? 

Ist das nicht ein Zeichen eines außergewöhnlichen Mutes? 

Ist das nicht ein Zeichen eines grenzenlosen Optimismus und vor allem - auch manchmal - von Selbstüberschätzung, die streng bestraft wird, wenn die Frühlingsstürme kommen, der Regen über die Erde peitscht und ein verspätetes Schneegestöber auf das junge Grün herniederfällt? 

Ja, die übermütigen, optimistischen, aber auch die sich selbst überschätzenden Eigenschaften gehören zum Widdertyp, den Menschen des Frühlings. Zornig durchbricht er die Finsternis, übermütig streckt er seinen Hals aus und lächelnd bringt er seinen Mitmenschen Trost oder einen Beweis von Freude, um ihnen ihre Sorgen vergessen zu lassen. Umwege kennt der Widdertyp nicht, alles geht offen und ehrlich zu, energisch. Er läßt sich durch Widerstände nicht zurückhalten, läßt sich nicht von seinem Ziel, dem Durchbruch und dem Auslöschen von trüben Erinnerungen abhalten. 

Der Frühling läutet ein neues Jahr ein. 

Die Tage werden länger. 

Die Natur zieht ihr frühlingsgrünes Kleid wieder an. 

Warum sollte da noch über dasjenige gesprochen werden müssen, das gewesen ist? 

Der Widder glaubt an Wiederherstellung, an Wiedergeburt, an neue Möglichkeiten. Nichts ist endgültig. Alles ist der Veränderung unterworfen. Erfahrungen machen reif, die Frühlingssonne bringt aufs neue Farbe, wo ehedem graue Nuancen waren. 

Daher ist der Widdertyp für Deutlichkeit. Farbe bekennen. 

Alles, was vage auf ihn zukommt, würdigt er nicht. Er ist süß oder sauer. Also lebt er in einer sich färbenden Welt, in der die Sonnenstrahlen ihn vergessen lassen, daß wohl noch einmal Schnee fallen könnte. Diesen wünscht er nicht zu sehen. 

Der Winter ist vorbei! Und wehe ihm, der wagt, ihm zu widersprechen. 

Am liebsten würde dieser Widder-Mensch keinen Lehrmeister haben, denn er kann sich selbst alles lehren, nicht wahr? 

Das Leben ist voller Erfahrungen, überall kann er Weisheit erwerben, hinter jedem Fehler steht die Konsequenz und wer "nicht hören will, muß fühlen". Er wird es als sehr mäßig finden, daß ihm die alten Ägypter den Amethyst als zodiakalen Stein zuteilten. Dieser Edelstein besitzt Würde, ist warm von Farbe, aber keineswegs erotisch. Er geht vom hellen Lila zum tiefen Violett. 

Jeder Widder wird das helle Lila nicht zu schätzen wissen. Er liebt kräftige Farben, obwohl das helle Lila zu seinen verborgenen Schwächen paßt: den Märtyrer herauszuhängen, das Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, zu spielen. Eine Komödie, die so mancher Widder aufführt und die er nicht gerne durchschauen lassen will. Er hat allzu oft das Herz eines Lammes und die autoritären Verhaltensweisen eines Herdenführers, der weiß, was gut für seine Tiere ist. Im Amethyst ist beides zu erkennen. 

Die Härte des Amethyst ist 7, seine kristalline Seele ist trigonal und hat sechsseitige Prismen. 

Die Zahlen lehren den Widder, daß er ein Überwinder ist (7) (alle Zahlensymbolik stammt aus der Lehre von Pythagoras; Ursprung und Weisheit der Zahlen), der seine Fahne hoch hält und in seinem Überwindungsrausch nicht mit eventuellen Opfern rechnet. Doch ist die 7 eine heilige Zahl, sofern sie gut verstanden wird. Sie ist der Sieg der Harmonie zwischen Herz und Haupt. 

Im Tarot von Memphis zeigt die siebente Karte den Wagen des Osiris. Es kann ein übermütiger, aber auch ein intelligenter und mutiger Osiris aufstehen. Dieses Bild lehrt den Widder jedoch, daß Ausdauer, Durchsetzungsvermögen und ein langer Atem mehr sind, als der zornige Einsatz, der beim Betrachten der Frühlingssonne endet. Denn danach müssen die Aufgabe andere übernehmen! 

Und dann noch die kristalline Seele des Amethysts aus 6-seitigen Prismen. Welch ein schönes Gleichgewicht. Welch eine Harmonie zwischen dem "Oben und dem Unten", die durch zwei Dreiecke, eines mit der Spitze nach oben und eines mit der Spitze nach unten wiedergegeben wird. Eine Harmonie, die der Widder bitter nötig hat. 

Daneben die wunderschöne violette Farbe, zusammengesetzt aus blau und rot. Ein Feuer, das gedämpt wird durch Weisheit, Einsicht und Besinnung. Die Ruhe des in sich selbst brennenden Feuers, eines beständigen Feuers mit blau-roten Flammen, nicht eines hoch auflodernden Strohfeuers. 

Ein edler Amethyst widerspiegelt das Licht in seiner rosa-violetten Seele und dieser Widerschein ist wie ein Balsam, entspannend und ermutigend auf eine ruhige, wissende Weise. Hat er nicht Jahrtausende dem Kampf der Elemente getrotzt? 

Und wie kam er aus diesem hervor?

Edel! Gesättigt von Harmonie, leuchtend, ruheschenkend, Anti- und Sympathie aneinanderfügend durch Erfahrungsweisheit. 

Die Welt ist nicht gefärbt durch Blau oder Rot, Widder, sondern sie ist blau und rot! 

Das helle Lila bzw. das sehr zarte Rosaviolett ist, den esoterischen Lehren zufolge, die Farbe der jungen, lernbegierigen Seele. Einer Seele, die die Kraft des orange-roten geistigen Feuers, die harten Lebenslektionen, noch nicht ertragen kann, sondern in die behutsam das Licht, das volle Leben hineingetragen werden muß. Es ist also die Farbe des Lebensfrühlings der Seele. 

Die Farbe derer, die soeben zu entdecken beginnen, daß es mehr gibt, als die Frühlingssonne vermuten läßt. Daß das Leben weiter, tiefer, voller ist, als sie vermeinten. Es ist die Färbung der empfänglichen Seele, also der Seele, die bereit ist, zu empfangen. Eine Farbe, die viele Widder, besonders die eigenweisen und arroganten Besserwisser nötig haben. Behutsam müssen sie bei ihren Untersuchungen ans Werk gehen, um nicht das Schönste, das sie besitzen, die junge, sich sehnende Seele, zu beschädigen. 

Der dunkel gefärbte Amethyst ist die reife Seele, die die Kraft der geistigen Berührung vertragen konnte, die dadurch nicht zerbrach und auch nicht verbrannte, sondern sich färben ließ. 

Es ist die Farbe für die weisen Widder. Für die spirituellen, sich selbst durchschauenden Widder. 

Und jetzt wird jeder Widder sagen: "Der bin ich!" Daher wird fast jeder Widder nach dem dunkelvioletten Amethyst greifen, weil er Kraft ausstrahlt. Aber jeder Anfang will gelernt sein. Bescheidenheit muß den edlen Mut zieren. Daher wird auch der hell gefärbte Amethyst dem Widder etwas sagen. Dieser Amethyst hat noch nicht ausgelernt, ist jedoch zum Lernen bereit. Was der Amethyst vollbracht hat, kann manch einem Widder zum Vorbild dienen. 

Von altersher hat der Amethyst den Ruf, ein Keuschheitsstein zu sein. Keuschheit kann man auf zweierlei Arten auffassen: keusch im Denken zu sein und keusch zu sein, als Unwille zur Übergabe. Der Widder kennt beides. Er besitzt lieber Freunde, die mit ihm durch dick und dünn gehen, als ein emotionell-erotisches Liebesband. Sich selbst zu übergeben, ist ihm unbekannt. 

Übergabe bedeutet, Ohnmacht erkennen. Das ist in seinen Liebesbindungen ebenso. Auch hier lehrt ihn der Amethyst: Zwei Gegensätze können harmonisch zusammengehen, wenn das Licht sie verbindet. Die leuchtende Kraft des Amethysts schafft einen neuen Farbton aus dem Rot und dem Blau: das Violett, eine Seelenfarbe. Eine Farbe, die psychische Schwächen aufhebt, mentale Störungen heilt und die vor allem auf Gemüt und Haupt einwirkt. 

Der Name Amethyst kommt aus dem Griechischen und bedeutet: 

"nicht betrunken". 

Wie viele Widder sind "trunken" von ihrem Streben, von ihrem Ziel, von ihrer energischen Schaffenskraft? 

Der Amethyst behütet sie vor geistiger und körperlicher Trunkenheit. So wird er nie fanatisch werden, indem er Gegensätze vernichtet oder negiert. Man darf nicht glauben, daß der Amethyst ein sanftmütiger Stein ist, denn er besitzt die Gabe, tief in die menschliche Seele einzudringen und sie gründlich zu reinigen. 

Darum wirkt er gegen Kopfschmerzen, das Leiden des Widders. Wenn der Stein gegen die Stirn gehalten wird, erfährt man dadurch Ruhe, welche bestimmt der Widder fühlen wird, weil sich bei ihm die Spannungen im Kopf festsetzen. 

Widder-Menschen sind ausgezeichnete Kämpfer und Verteidiger, Pioniere, die es mit dem "Drachen" aufnehmen wollen, der ihre Mitmenschen belagert. Der Amethyst wirkt gegen Gift, und Hieronymus erzählt, daß ein Adler einen Amethyst in sein Nest legte, um seine Jungen gegen die Schlangen zu beschirmen. 

Nichts haßt der Widder mehr als "schlangenartige Menschen, die mit einer gespaltenen Zunge sprechen." 

Der Amethyst erweckt Freundschaft, die so leidenschaftlich vom Widdertyp gesucht wird, und er stößt unedle Absichten ab. 

Vom Widder wird so manches Mal profitiert, weil ihm seine Energie und seine Neigung, sich als Lamm zur Schlachtbank führen zu lassen, Possen spielen. Hier braucht er die Beschirmung seines Steines. Religiöse Würdenträger suchten den Amethyst, weil er ein Symbol der Seelen-Reinheit und geistigen Keuschheit war. Therapeutisch wirkt er gegen alle explosiven Krankheitsbilder: Spannungen, Schlaflosigkeit, Schwellungen, Vergiftungen. 

Nach alten Überlieferungen wirkt im Amethyst das Herz des Sternbildes Skorpion, dessen Natur aus Jupiter und Mars entstanden ist. Mars und Jupiter - ätherische Energie, leuchtend wie die Frühlingssonne. Deshalb gehört der Amethyst zum religiös-magischen Menschen, denn er beschirmt auch gegen gefährliche Magie und Verführungen. Er vertreibt schlechte und düstere Gedanken und schenkt dafür schöne und befriedigende. 

Er macht seinen Träger freundlich (sehr gut für dich, Widder) und erfinderisch. Daneben hilft er gegen eine geschwollene Milz (mehr tun, als du kannst, mehr essen, als gut für dich ist). 

Er ist sehr verbunden mit dem Smaragd, steht jedoch in den edlen Qualitäten unter ihm. Seine Schwingungen gehören zu den Geistern, die der schwefelhaltigen Sphäre unserer Erde angehören. 

Der Schwefel wird in der Alchemie als Symbol des inkarnierten Sohnes des Himmlischen Vaters betrachtet, der das universelle Feuer für die Herumirrenden belebt. 

Laß dir das gesagt sein, Widder, betrachte deinen Amethyst noch einmal gut und erkenne seine weise Seele, die der deinen gleicht.

©1970-2013 Henk und Mia Leene